Kölner Szene · Label-Geschichte
The Sound of Cologne, kompakt erklärt
Ein Plattenladen, ein Begriff, eine Ära. Wie aus einem Techno-Shop an der Gladbacher Straße das Label wurde, das den Klang Kölns in die Welt trug.
Foto: SCHLUESSELKINDER KOLLEKTIVErst der Begriff, dann das Label
The Sound of Cologne ist kein Marketing-Slogan, der irgendwann mal erfunden wurde. Der Begriff steht für eine Linie, die sich über Jahrzehnte durch die Stadt zieht. International gilt Köln, jenseits von Karneval und Kölschrock, als Zentrum elektronischer Musik. Die Spur beginnt in den 1950ern im Studio für elektronische Musik des WDR, bei Karlheinz Stockhausen, läuft über den Krautrock von CAN und endet vorerst im heutigen Clubgeschehen.
2022 hat die Regisseurin Kristina Schippling daraus einen Dokumentarfilm gemacht, Weltpremiere beim Filmfestival Cologne. Der Film zeigt die Inspirationslinien über mehrere Jahrzehnte und wie eng Szenen über Clubs, Labels und Plattenläden verbunden waren. Auf der Leinwand: Irmin Schmidt, Jaki Liebezeit und Holger Czukay von CAN, Mouse on Mars, a-Musik, dazu Wolfgang Voigt, Michael Mayer, Lena Willikens, Barnt.
In der Mitte dieser Geschichte, zwischen Avantgarde-Erbe und Clubkeller, steht ein Name. Kompakt. Und der Rest dieses Textes hält sich daran, das Versprechen aus der Überschrift einzulösen. Kompakt erklärt.
Delirium, oder wie alles anfing
1993 öffnet in Köln ein Techno-Plattenladen seine Türen. Er heißt Delirium und liegt an der Gladbacher Straße 36. Hinter dem Tresen stehen die Brüder Wolfgang und Reinhard Voigt, dazu Jörg Burger und Jürgen Paape. Bald stößt Michael Mayer dazu. Es ist, in den eigenen Worten des Hauses, weniger ein Businessplan als eine Sache aus Familie und Freundschaft.
Aus dem Laden wird ein Knotenpunkt. Hier laufen mehrere kleine Labels, ein Vertrieb und das Booking zusammen. 1998 wird das alles unter einem Dach gebündelt und bekommt einen neuen Namen. Kompakt. Der Plattenladen bleibt das Herzstück, das Label wächst drumherum. Heute gehört Kompakt Wolfgang Voigt, Michael Mayer und Jürgen Paape.
Seit 2001 sitzt der Betrieb in einem mehrstöckigen Gebäude an der Werderstraße. Plattenladen unten, Büros darüber. Eine der größten Vinyl-Auswahlen weltweit, spezialisiert auf Techno, House, Ambient und Experimentelles. Wer den Sound of Cologne anfassen will, fährt dorthin.
Der Klang: nicht minimal, sondern detailverliebt
Ende der 90er entsteht in Köln, parallel zu Frankfurts Perlon und Produzenten wie Ricardo Villalobos, das, was man Microhouse oder Minimal House nennt. House, reduziert auf glitchende Fragmente, zerhackte Vocal-Stabs, viel Leerraum. Kompakt wird zur treibenden Kraft, die diesen Sound in den Mainstream der elektronischen Musik trägt.
Das Etikett Minimal trifft es allerdings nur halb. Die Produzenten griffen Ideen von Berlins Basic Channel auf, doch wo Basic Channel Techno bis auf die Knochen abschälte, waren die Kompakt-Platten geradezu besessen vom Detail. Ambient-Textur trifft auf gerade Vierviertel-Struktur, dazu ein Hang zur Melodie, zur Geste, fast zum Pop. Kühl und warm zugleich.
Eine Kölner Spezialität verdient eigene Erwähnung. Der Schaffel. Minimal-Technos gerader Kick wird ins Schunkelnde verschoben, ein Offbeat, der nach 70er-Glamrock klingt. Wolfgang Voigt, aufgewachsen mit T. Rex und Gary Glitter, war hier der Antrieb. 2000 stellte er für Kompakt die Compilation Schaffelfieber zusammen und schickte den Beat um die Welt.
Total, Pop Ambient und die großen Würfe
Kompakt erzählt seine Geschichte vor allem über zwei Reihen. Total, die Hauscompilation, läuft seit 1999 und sammelt Jahr für Jahr, was das Label und sein Umfeld ausmacht. Total 3 gilt als die Platte, die den Kölner Minimal-Sound erstmals einem weltweiten Publikum vorstellte. Daneben steht Pop Ambient, die jährliche Ambient-Anthologie, die seit 2001 erscheint und das leise, neblige Gegenstück zum Club bildet.
Wolfgang Voigt selbst lieferte unter dem Alias GAS einen der eigenwilligsten Beiträge zur elektronischen Musik überhaupt. Zwischen 1995 und 2000 entstand das Frühwerk, irgendwo zwischen Dub-Techno-Nebel, Loop-Ambient und Wagner im Wald. Pitchfork nannte es später einen wundersamen Höhepunkt. 2017 kehrte GAS mit Narkopop zurück, 2021 folgte Der Lange Marsch.
Den kommerziellen Doppelschlag landete das Label 2007. Gui Borattos Album Chromophobia mit der Single Beautiful Life und The Field mit From Here We Go Sublime trugen den Kompakt-Sound aus dem Keller in größere Säle. Über die Jahre prägten Künstler wie Superpitcher, Justus Köhncke, Kölsch, Matias Aguayo, Closer Musik oder Reinhard Voigt das Profil des Hauses.
Forward ever, backwards never. Nach vorn, nie zurück.
Voigts Leitsatz, den das Label bis heute vor sich herträgt, fasst die Haltung zusammen. Das ist, kompakt gesagt, der Sound of Cologne.
NachtprotokollQuellen u.a.: kompakt.fm (Label, Record Store) · Wikipedia (Kompakt) · The Quietus (20 Jahre Kompakt) · Google Arts & Culture · cologne-tourism.com.
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