Nachtprotokoll

In Memory · 001 · Köln-Ehrenfeld

Heinz Gaul

2012 — 2020

Vogelsanger Straße, Ecke Lichtstraße. Erst Metallwaren-Großhandel, dann acht Jahre lang einer der wichtigsten Läden der Stadt. Heute: Wohnungen und Büros.

Serien-Auftakt — hier feiern wir regelmäßig die Läden, die nicht mehr da sind.

NACHTPROTOKOLL10.06.20266 Min Lesezeit

Der Name war das erste, was hängen blieb, weil er so gar nicht nach Club klang. Heinz Gaul — das war kein Konzept, kein Anglizismus, keine Geheimcode-Ästhetik. Das war der Metallwaren-Großhändler, dem die Hallen an der Ecke Vogelsanger Straße/Lichtstraße vorher gehörten. Als 2012 dort ein Club aufmachte, übernahm er den Namen einfach, wie man eine Jacke vom Vormieter im Flur hängen lässt. Ehrlicher kann man in Ehrenfeld nicht anfangen.

Was es war

Eine Industriehalle mit allem, was die guten Jahre dieses Viertels ausgemacht hat: roher Boden, niedrige Decken-Romantik, ein Garten, in dem die Sommerabende lang wurden, bevor drinnen die eigentliche Nacht begann. Das Heinz Gaul war nie der glamouröseste Laden der Stadt und wollte es nie sein. Es war der Laden, in dem man landete — nach dem Konzert, nach der Bar, nach dem halbherzigen „nur noch kurz". Und es war über Jahre das Wohnzimmer von Partyreihen, deren Namen in Köln jeder kannte: Feines Tier, Ohne Vorspiel, Lichtblick, Affenkäfig. Wer zwischen 2012 und 2020 in dieser Stadt elektronische Musik gefeiert hat, hat dort Nächte gelassen.

Man hat dem Laden immer angesehen, dass er nicht für die Ewigkeit gebaut war. Genau deshalb hat man ihn so benutzt, als wäre er es.

Woran es starb

Die offizielle Todesursache heißt Pandemie: Im März 2020 lief die letzte Nacht, dann kam der Lockdown — und das Heinz Gaul machte nicht wieder auf. Aber die Krankheit war älter. Betreiber Jörg Vandrey hat den Club über Jahre auf kurzfristigen Mietverträgen balanciert, auf einem Grundstück, das längst anderen Plänen gehörte. Die Pandemie hat nur den Zeitpunkt geliefert. Ende 2020 rollten die Bagger, während die Kölner Clublandschaft noch im Stillstand lag — ein Abriss ohne Abschiedsfest, was vielleicht das Bitterste an der ganzen Geschichte ist. Heute entstehen dort Wohnungen, Büros, Gewerbe.

Das Heinz Gaul reiht sich damit in eine Ehrenfelder Ahnengalerie ein, die länger wird, je länger man hinschaut: das Underground schräg gegenüber, das Sensor, davor die Papierfabrik — Läden, die alle dasselbe Drehbuch erwischt hat. Billige Halle, gute Jahre, steigender Bodenwert, Ende. Man kann das Gentrifizierung nennen. Man kann auch einfach sagen: Die Stadt hat sich entschieden, was ihr diese Räume wert sind.

Aus dem Archiv

Drei Aufnahmen aus den Nächten, um die es hier geht — Oktober 2018, gegen halb fünf. Mehr braucht es nicht: eine Marke, ein Floor, ein Lichtermeer im Nebel. So sah Erinnerung aus, bevor sie eine wurde.

garderobe 0815
der floor, 4:41
lichtwand im nebel

Fotos: SCHLUESSELKINDER KOLLEKTIV · Heinz Gaul, 2018

Was bleibt

Es gibt Clubs, deren Wert man erst im Rückblick beziffern kann. Das Heinz Gaul hat einer Generation von Kölner Veranstaltern, DJs und Reihen den Raum gegeben, in dem sie groß werden konnten — unprätentiös, bezahlbar, mitten im Viertel. Solche Räume tauchen in keiner Bilanz auf, bis sie fehlen. Jetzt fehlen sie.

Deshalb diese Serie. Wir glauben nicht an Nostalgie als Dauerzustand — eine Szene, die nur zurückschaut, ist schon tot. Aber wir glauben an Protokoll: aufschreiben, was da war, damit die nächste Halle, der nächste Garten, der nächste seltsame Name eine Referenz hat. Das Heinz Gaul war acht Jahre lang der Beweis, dass diese Stadt es kann. Das reicht für einen Platz in der Ahnengalerie — und für die Messlatte an alles, was noch kommt.

Quellen: FAZEmag · t-online Köln · wo-war-das.de · Stadtrevue
Du hast Fotos aus dem Heinz Gaul und magst sie hier sehen? hallo@antisobersoberclub.de

Nachtprotokoll

Die Läden gehen schneller, als man denkt. Geht hin, solange sie da sind — und kommt zusammen heim. THE KEY hilft dabei.

Zur App: THE KEY

NACHTPROTOKOLL ist redaktioneller Inhalt aus dem SCHLUESSELKINDER-Kosmos. Kein Medizinprodukt, keine Substanz- oder Dosierungsberatung. Im Ernstfall ruf den lokalen Notruf — in Deutschland die 112.