Szene & Kultur · Report
Wenn die Lichter angehen
Das Watergate ist zu, fast jeder zweite Berliner Club denkt ans Aufhören, und in Köln frisst die Nachverdichtung die Räume. Über ein Sterben, das keins sein müsste.
Ende 2024 gingen im Watergate die Lichter an — endgültig. 22 Jahre lang hatte der Club unter der Oberbaumbrücke Berliner Clubgeschichte geschrieben, dann reichte es nicht mehr: zu hohe Miete, zu wenig Umsatz. Vor der Tür stellte ein Kollektiv einen Grabstein auf. Man kann das für Pathos halten. Aber ein Grabstein stellt die richtige Frage: Was genau ist hier eigentlich gestorben?
Die Zahlen, einmal ohne Beschönigung
Die Berliner Clubcommission befragt regelmäßig ihre Mitglieder, und die Antworten lesen sich wie ein Lagebericht aus einem Sturm: Rund 46 Prozent der Berliner Clubs gaben Ende 2024 an, über eine Schließung innerhalb der nächsten zwölf Monate nachzudenken — eine Verdopplung innerhalb eines halben Jahres. 89 Prozent meldeten gestiegene Betriebskosten, rund 20 Prozent weniger Gäste kamen im Schnitt als vor der Pandemie. Das ist Berlin — die Stadt mit der stärksten Club-Lobby des Landes. Wer glaubt, dass es kleineren Städten besser geht, hat das Prinzip nicht verstanden.
Woran Clubs wirklich sterben
Die bequeme Erzählung lautet: Die Jugend geht halt nicht mehr aus. Sie ist nicht falsch — das Ausgehverhalten hat sich verschoben, es wird weniger getrunken, früher heimgegangen, mehr gespart, und das große Wochenende konkurriert mit dem Festivalsommer und dem eigenen Sofa. Aber Generationen ändern sich immer. Clubs sind daran selten gestorben.
Gestorben wird an Quadratmetern. Ein Club braucht billigen Raum in einer Stadt, die teuren Raum produziert. Er braucht Nachbarn, die Bass aushalten, in Vierteln, die zu Schlafzimmern werden. Und er steht baurechtlich bis heute meist als Vergnügungsstätte da — in einer Schublade mit Spielhallen —, statt als das anerkannt zu sein, was er ist: ein Kulturort. Genau diese Anerkennung fordern Verbände wie die Clubcommission seit Jahren, weil an ihr hängt, ob ein Club in Bebauungsplänen verteidigbar ist oder dem nächsten Investorenprojekt weicht.
Ein Club ist kein Geschäftsmodell mit Musik. Er ist ein dritter Ort — und Städte merken erst, was das war, wenn er fehlt.
Dazu kommt die Kostenschere: Energie, Gagen, Security, Versicherungen — alles teurer. Der Eintritt kann nicht beliebig mitwachsen, ohne genau die auszuschließen, für die der Laden gedacht ist. Ein Club, der überlebt, indem er auf Bottle-Service und Eventflächen umstellt, ist nicht gerettet. Er ist nur noch nicht abgerissen.
Köln: leiser, aber dasselbe Drehbuch
In Köln heißt das Drehbuch Nachverdichtung. Der Ehrenfelder Boom, der die Szene fünfzehn Jahre getragen hat, ist vorbei — die Klubkomm sagt es offen: Innerstädtischer Raum wird dichter, teurer, leiser. Der Verband hat der Stadt ein Club-Kataster vorgeschlagen, damit Musikorte in der Stadtplanung überhaupt sichtbar sind, bevor der Bagger die Fakten schafft. Dass so etwas nötig ist, sagt alles: Was nicht kartiert ist, existiert für eine Verwaltung nicht.
Was dagegenhält
Es gibt Bewegung, und sie kommt — wie immer — aus der Szene selbst. In Berlin ist die Technokultur seit März 2024 Immaterielles Kulturerbe; das rettet keinen einzelnen Laden, aber es verschiebt die Beweislast: Wer Clubs plattmacht, macht jetzt offiziell Kultur platt. In Köln baut das Kollektiv krakelee im Otto-Langen-Quartier einen Club als Genossenschaft — ohne Investoren, mit Crowdfunding und Pachtvertrag, gegen die Verdrängung immunisiert durch Eigentum an der eigenen Struktur. Und mitten im angeblichen Sterben eröffnen trotzdem neue Läden, wie 2025 die Garagen in Ehrenfeld.
Das ist die ehrliche Pointe: Clubs sterben nicht, weil niemand mehr tanzen will. Sie sterben, weil Städte sie wie Störfälle verwalten. Eine Szene kann dagegen anfeiern — besser ist, sie organisiert sich: in Verbänden, Genossenschaften, Katastern und an Wahlurnen. Tanzen ist politisch, spätestens seit es Bebauungspläne gibt.
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